Der drapierte Torso zeigt qualvoll überstreckte Schultern, während der unter dem langen Hemd verborgene Leib als zerklüftete Guss-Oberfläche erscheint, die am Hals in einer offenen Guss-Wunde ausläuft. Der kopflose Rumpf steht am Ende der Dauerausstellung im Dunstkreis des sächsischen Exodus und weckt Assoziationen von Endgültigkeit. Hoffnung entsteht durch den Verweis auf den Auferstandenen, auf den Leib Christi, auf die Gemeinschaft der Heiligen.
Der vielseitige Künstler Peter Jacobi, geboren 1935 in Ploieşti, wurde nach dem Abschluss der Kunstakademie in Bukarest als Kunstlehrer nach Craiova zugeteilt. Im nahen Târgu Jiu lernte der Künstler das Skulpturen-Ensemble des berühmten Constantin Brâncuşi kennen. Die Volkskunst Olteniens inspirierte einige seiner frühen Werke. Anlässlich der Schenkung des Bronzegusses an das Landeskirchliche Museum 2013 schreibt der seit 1970 in Deutschland lebende Peter Jacobi zur Entstehungsgeschichte des Torsos Folgendes:
„Die Skulptur ist in der kommunistischen Zeit in Rumänien entstanden. Ausgegangen bin ich von einfachen geschnitzten biblischen Szenen auf Bauernkreuzen. (…) Den Zyklus der Studien für eine Kreuzigungsskulptur habe ich noch in den 1960er Jahren in Rumänien begonnen, auch als Opposition zu der kommunistischen Kunstideologie. Danach habe ich immer wieder an dieser Werkgruppe gearbeitet bis dann 2010 der Bronzeguss erfolgte.“
Das Vortragekreuz wurde 1912 anlässlich der Renovierung der Heltauer Kirchenburg im Ossuarium der Rotunde gefunden.
Das Heltauer Vortragekreuz folgt der Machart im venezianischen Raum verbreiteter Modelle des 13. Jahrhunderts. Die Vorderseite zeigt den toten Christus als Gekreuzigten – modelliert in getriebenes Kupferblech, das einen Holzkern umschließt. Noch im 12. Jahrhundert wurde Christus aufrecht auf dem Suppedaneum stehend dargestellt, majestätische Züge und eine Krone tragend und seine Arme im Segensgestus ausbreitend. Im 13. Jahrhundert setzt sich unter dem Einfluss des im 7. und 8. Jahrhundert überwundenen Ikonoklasmus der Ostkirche die Darstellung des Leidenden Christus durch. Die ikonographischen Vorbilder kommen aus Byzanz. Im Einklang mit der Zwei-Naturen-Lehre rechtfertigten die Ikonodulen das Abbild des Erlösers gerade durch seine menschliche Natur und seine Sterblichkeit.Dem Kruzifixus entspricht auf der Rückseite der Vierung eine stilisierte Darstellung des Lammes Gottes mit dem Labarum – ein Verweis auf die Crux Vaticana aus dem 6. Jahrhundert. Die Eckschilder der Kreuzenden sind mit je drei oder vier runden Halbedelsteinen besetzt. Von den Querbalken hängen zwei Pendilien mit je einem gefassten Halbedelstein – die gemäß der frühmittelalterlichen Crux Gemmata auf Alfa und Omega verweisen. Bis auf die aufgesetzten figürlichen Darstellungen ist die Oberfläche des Kreuzes mit einer Textur von winzigen Perlpunzen als Knotenpunkten einer Rhomben-Schraffur bedeckt.
Vortragekreuz Heltau, Mitte 13. Jh.
Ein Vortragekreuz aus Südtirol trägt einen ähnlichen byzantinisch anmutenden Kruzifixus, die gleiche Form der Eckschilder an den Kreuzenden, die gleiche Flächentextur mit Perlpunze und Schraffur, und gleiche kreisrunde gefasste Glassteine. Allerdings tragen die Kreuzenden Symbole des Tetramorphs und der Längsbalken der Rückseite zeigt eine Darstellung Mariens in Orantenstellung.
Im Raum Friaul-Venedig sind Kreuze dieser Machart häufiger und wurden offenbar in großen Mengen hergestellt. Von Venedig ausgehende Einflüsse byzantinischer Prägung sind im 13. Jh. auch in anderen wichtigen Kunstzentren, wie Pisa, und an der Maas, im heutigen Belgien, sehr präsent.
Das Vortragekreuz verweist auf die eigentliche Mitte unserer Kirchlichkeit und ermutigt zum weiteren Weg unter seinem Zeichen.
HK
Literatur
Victor Roth: Kunstdenkmäler aus den sächsischen Kirchen Siebenbürgens I. Goldschmiedearbeiten, Teil 1, Ed. Drotleff Hermannstadt/Sibiu 1922, S.1, Kat. 1; T 1, 2.
Reinhard Rampold: Mittelalterliche Vortragekreuze in Tirol, Innsbruck 2004
Manlio Leo Mezzacasa: Circulation in Venetian Medieval goldsmith’s art: three case studies between Venice and the Adriatic. In: Convivium. Exchanges and Interactions in the Arts of Medieval Europe, Byzantium, and the Mediterranean, 2014/I, Issue 1, 176-189.