Aus Neustadt im Burzenland stammt ein Oblateneisen, dessen Plattenverzierung in die Renaissance weist. Das langstielige, 80 cm lange Zangengerät bewegt zwei Platten von 18cm Durchmesser, die symbolische Darstellungen tragen. Die eine Platte zeigt den doppelköpfigen Adler mit Brustschild, über dem die Kaiserkrone schwebt. Die Kaiserstadt Wien steht wohl für ein Verorten unter die irdische Obrigkeit. Die Umschrift lautet:
LEUPOLT. GOTSTÄRFFER. ANNA.IN. ES.NIMBT. ALLES.NT (ein End). ABER.EWIG. IST.LANG:
Es nimmt alles ein End, aber ewig ist die Langmut Gottes.
Der Spruch nimmt Bezug auf Verse aus den Sprüchen, Prediger und den Psalmen.
Die andere Scheibe zeigt Hasen und einen Rehbock von Hunden gejagt, im Kreis laufend, und in der Mitte einen Hirsch. Dieser ist vom Hund gestellt und der Jäger vom Pferd abgesprungen, um dem Hirsch den Fangstoß zu geben. Der Rabe wartet schon auf das, was vom verendeten Hirsch übrig bleibt. Unter dem Hirsch befindet sich die Jahreszahl 1560.


Die Gestaltung dieses zeittypischen Memento mori -Motivs erinnert an das Glücksrad, das der Humanismus wiederbelebte. Beim Backen wurde dieses Motiv auf das „Himmelbrot“ übertragen, das man in einigen Gemeinden in der Weihnachts- und Neujahrszeit und am Gründonnerstag an die Kinder verteilte – aber auch an die Alten und Kranken, die nicht zum Gottesdienst kommen konnten. Aus dem gleichen Himmelbrot wurden die Abendmahls-Oblaten ausgestochen. Das Backen oblag dem Haushalt des jüngeren Kirchenvaters, des Predigers oder des Predigerlehrers.
Das Neustädter Oblateneisen wurde seit 1792 in weiblicher Linie privat weitergegeben. Pfr. i.R. Kurt Boltres übergab es am 30.04.2026 dem Landeskirchlichen Museum als Leihgabe.
Literatur: Gustav Treiber, Ein über 400 Jahre altes Oblateneisen aus Neustadt im Burzenland, in: Korrespondenzblatt 3/1972, Gundelsheim.
